Interview im Readers Digest

Hauptkommissar Hambrock hält sich ganz zufällig in Birkenkotten auf, als ihn die Schneemassen zum Bleiben zwingen. Doch auch die Spur eines entflohenen Vergewaltigers führt in die ländliche Idylle. Da entdeckt jemand eine weibliche Leiche. Und jedem ist klar: der Mörder muss noch unter ihnen sein. Denn aus dem Schnee gibt es kein Entrinnen …

Manche Krimis schreibt das Leben selbst. Oder es liefert zumindest die Vorlage dazu. So war es der Fall bei Stefan Holtkötters Krimi „Schneetreiben“.
Es sind unglaubliche Bilder, die diesen schicksalhaften Tag, den 25. November 2005, dokumentieren, als heftige Schneefälle im Münsterland zu einem schrecklichen Chaos führten: umgeknickte Bäume und Strommasten, Ausfall von Bussen und Bahnen. An einem einzigen Tag ereigneten sich 1200 Unfälle. Ganze Dörfer waren eingeschneit und von der Außenwelt abgeschnitten, viele ihrer Bewohner mussten ohne Strom im Dunkeln sitzen und sich mit Kerzen behelfen. Ein geradezu unheimliches Szenario.
Stefan Holtkötter, der jetzt in Berlin lebt, aber auf einem Bauernhof im Münsterland aufgewachsen ist, arbeitete damals an seinem ersten Krimi. Dafür wollte er just an jenem Tag im Münsterland recherchieren und hatte ganz spontan den Einfall, „auf eine Tasse Kaffee“ seine Tante zu besuchen. Doch dann wurde er von dem Schneeeinbruch überrascht und zu einem verlängerten Aufenthalt gezwungen. Dabei kam ihm eine glänzende Idee für einen ganz neuen Krimi …

 

Der Autor im Interview

Reader’s Digest: Sie haben dieses Schneechaos im Münsterland selbst erlebt. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?
SH: Es war schon unglaublich, was da passiert ist. Im Münsterland regnet es immer sehr viel, Schnee sehen wir eher selten. Und dann gab es so viel Schnee, dass Dörfer ohne Strom und Wärme für Tage von der Außenwelt abgeschnitten waren.

RD: Wann und wie kamen Sie auf die Idee, aus diesem Stoff einen Krimi zu machen?
SH: Das drängte sich einfach auf. Da gab es mitten im prosperierenden und strukturell erschlossenen Münsterland eine Situation wie in einem alten Agatha-Christie-Roman. Alle Figuren sind an einem Ort eingeschlossen, und unter ihnen ist ein Mörder. Da boten sich viele Möglichkeiten.

RD: Sie leben in Berlin, sind aber im Münsterland geboren. Warum siedeln Sie Ihre Krimis nicht in Berlin an?
SH: Im nächsten Jahr wird ein Krimi erscheinen, der in Berlin spielt. Wenn er den Leuten gefällt, wird es vielleicht weitere geben. Trotzdem mache ich aber auch mit meiner Münsterland-Reihe weiter. Ich kenne Land und Leute einfach sehr gut und habe gleichzeitig die Sichtweise von außen.

RD: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Weshalb gerade Krimis?
SH: Ich habe schon immer gerne Geschichten erzählt. Da war es irgendwie logisch, es auch mal mit dem Aufschreiben zu probieren. Krimis mag ich sehr, weil sie eine klare Struktur haben und viele Regeln berücksichtigt werden müssen. Dieses enge Raster sehe ich als Herausforderung, die Lesererwartungen zu erfüllen und gleichzeitig etwas Eigenes zu machen.

RD: In Ihrem Krimi „Schneetreiben“ tauchen Sie tief in menschliche Abgründe ein. Hat das etwas mit Ihrem Beruf als Sozialarbeiter zu tun? Kennen Sie menschliche Abgründe besser als andere?
SH: Natürlich begegne ich in meinem Beruf Menschen, die sich in Krisensituationen befinden. Sie tragen oftmals schwere Lasten mit sich herum. Sowohl die Täter wie auch die Opfer. Dabei interessiert mich am meisten: Wie schaffen es Menschen, trotz aller Schwierigkeiten den Kopf oben zu halten und nach vorne zu sehen?

RD: Wie können Sie sich in Ihre Figuren hineinversetzen? Etwa wenn Sie die Gefühlswelt einer vergewaltigten Frau oder ihres Vergewaltigers beschreiben?
SH: Dabei gehe ich ähnlich vor wie ein Schauspieler, der sich in seine Rollen einfindet. Ich recherchiere sehr viel, versuche Verständnis für die Figuren zu entwickeln und suche nach Gemeinsamkeiten, die mir einen emotionalen Zugang erleichtern. So ist in jeder Figur auch etwas von mir, ganz egal wie wenig sie mit meinem eigenen Leben zu tun haben. Ich denke, in unserer Vorstellung können wir alles sein, sowohl Täter als auch Opfer.